Psychologische Beratung für Kinderlose?Russlands umstrittene Geburtenpolitik sorgt für Protest

In Russland sollen Frauen ohne Kinderwunsch künftig automatisch zum Psychologen – ein Schritt des Gesundheitsministeriums, der massive Kritik und Sorgen um Grundrechte auslöst.

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Russland: Frauen berichten von wachsendem Druck, sich den staatlichen Vorstellungen von Mutterschaft zu fügen.

Frauen ohne einen Kinderwunsch in Russland sollen künftig von ihrem Arzt an einen Psychologen überwiesen werden. So will es Moskaus Gesundheitsministerium - und hat damit selbst bei dem von Kremlchef Wladimir Putin gesteuerten Menschenrechtsrat scharfe Kritik ausgelöst. Schon jetzt ist der Druck auf Frauen in Russland, Kinder zur Welt zu bringen, massiv. Doch angesichts niedriger Geburtenraten wird der Kampf um die Gebärmütter immer verzweifelter im flächenmäßig größten Land der Erde.

Antworten Frauen bei Vorsorgeuntersuchungen zur reproduktiven Gesundheit auf die Frage ihres Arztes, wie viele Kinder sie «unter Berücksichtigung ihrer aktuellen Lebensumstände» haben möchten, mit «keine», sollen sie «Hilfe» von einem Psychologen erhalten. Zwar handelt es sich um Empfehlungen, aber in einem autoritären Staat wird so etwas schnell als Pflicht verstanden.

Ziel der Maßnahme, erklärt das Ministerium, sei die Verhinderung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Förderung einer «positiven Einstellung» zur Mutterschaft. Genau darum aber ist nun eine Debatte entbrannt, weil Experten vor einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Frauen und Eingriffen in die Privatsphäre von Menschen warnen.

Kritik an Moskaus Plänen: Eingriff in Privatsphäre und Selbstbestimmung

Auch in dem sonst Putin treu ergebenen Menschenrechtsrat des Präsidenten regt sich Widerstand. 

Zwang zur Fortpflanzung. Anders kann ich diese Initiative nicht bezeichnen, die eine Frau von einer freien Persönlichkeit in ein Instrument zur Verbesserung der demografischen Lage verwandelt

«Ich bin überzeugt, dass sich die meisten Frauen ein Leben ohne Mutterschaft nicht vorstellen können. Aber diejenigen, die andere Lebenspläne haben, brauchen keine «korrigierende Pädagogik»», sagt sie.

Klar ist, dass Russland wie viele Industriestaaten nicht ausreichend Geburten aufweist, um seine Bevölkerung auf einem stabilen Niveau zu halten. Mit 1,37 Kindern je Frau (2025) stehen die Russinnen zwar etwas besser da als Frauen in Deutschland, die auf durchschnittlich 1,30 Kinder kommen. Allerdings verweisen Experten darauf, dass es mindestens 2,1 Kinder je Frau bräuchte, um die demografische Entwicklung stabil zu halten.

Expertinnen warnen: Anreize statt Bevormundung

Die Expertin Catherina Hinz erklärt, dass der Kinderwunsch allgemein zurückgehe. Es sollte lieber Anreize geben für Menschen, die Nachwuchs haben möchten, als jene zu bestrafen, die keine Kinder wollen. «Das kommt einer Entmündigung gleich», sagt die Geschäftsführerin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zu der umstrittenen Initiative in Russland.

Zudem werde in Zeiten mit vielfältigen Krisen und unsicheren Perspektiven der Kinderwunsch oft zurückgestellt, bei wirtschaftlichem Aufschwung hingegen ändere sich das, sagt Hinz. Wichtig seien viel mehr Anreize wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine ausreichende Zahl an Kinderbetreuungsplätzen. 

Putins Kurs: Früh gebären als patriotische Verpflichtung

Kremlchef Putin selbst hat die Steigerung der Geburtenzahlen immer wieder als dringlichste Aufgabe genannt. Es gehe um die Existenz Russlands, betonte er und forderte immer neue Vorschläge von seinen Beamten. Die Liste der Maßnahmen ist inzwischen lang. So erhalten etwa bisweilen Schülerinnen Prämien, wenn sie bei einer Schwangerschaft das Kind austragen. 

Frauen sehen sich oft gedrängt, möglichst früh schwanger zu werden, damit sie ihre Fruchtbarkeitsspanne voll ausnutzen. Gesundheitsminister Michail Muraschko sagt, Frauen sollten sich nicht um ihre Ausbildung und Karriere, sondern zunächst um den Nachwuchs kümmern. «Eine Frau muss verstehen: Je früher sie gebiert, umso besser.»

Der unabhängige russische Bevölkerungsforscher Alexej Rakscha beklagt eine ideologisierte Debatte in Russland um die Geburten und eine «totale Unfähigkeit» der Bürokraten. «Sie hören sich keine Ratschläge von Experten an», sagt der Wissenschaftler der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.

Schwangerschaftsprämien, wie es sie etwa für Studentinnen gibt, hält Rakscha für wirkungslos. Dagegen habe Russland inzwischen viele Familien mit drei und vier Kindern, aber das reiche nicht. Es müsse vielmehr Geld in die Hand genommen werden, um die Geburtenrate dauerhaft zu erhöhen.

Abtreibungsdebatte: Die Orthodoxe Kirche verschärft den Druck

Vor allem setzt die Staatsführung auf Propaganda. Die Werbebranche in Russland ist aufgerufen, bei Clips möglichst glückliche Familien mit vielen Kindern zu zeigen. Besonders geehrt werden jene mit zehn oder mehr Kindern, die den Titel Mutterheldin samt Orden erhalten. Dagegen ist es verboten, offen über freiwillige Kinderlosigkeit zu sprechen - das steht als Propaganda der sogenannten Childfree-Bewegung unter Strafe. 

Gesellschaftliches Debattenthema sind auch Schwangerschaftsabbrüche. Die unter den Kommunisten in der Sowjetunion vergleichsweise liberale Praxis ist bei vielen Frauen in Russland im Bewusstsein verankert. Deshalb hat es die inzwischen wachsende Fraktion der Abtreibungsgegner in Russland schwer.

Formell sind Abtreibungen in Russland zwar erlaubt. In der Praxis gibt es aber zunehmend Klagen darüber, dass sie je nach Region und Klinikart schwer bis gar nicht mehr zugänglich sind.

Vor allem die russisch-orthodoxe Kirche, eine wichtige Machtstütze für Putin, nutzt ihren Einfluss, um Stimmung gegen Abtreibungen zu machen. So gibt es etwa auch in Kriegszeiten wie jetzt bei dem für das Land extrem verlustreichen Angriff auf die Ukraine Propagandaplakate, die daran erinnern, dass Russland Nachwuchs braucht.

Fazit

In Russland sollen Frauen ohne Kinderwunsch künftig automatisch von Ärzt:innen an Psycholog:innen überwiesen werden. Die neue Empfehlung des Gesundheitsministeriums stößt selbst im kremlnahen Menschenrechtsrat auf heftige Kritik, da sie als Eingriff in die Selbstbestimmung und als „Zwang zur Fortpflanzung“ gewertet wird. Hintergrund ist die seit Jahren sinkende Geburtenrate, auf die der Staat mit immer stärkerem Druck, Prämien und Propaganda reagiert. Expert:innen warnen jedoch, dass Bevormundung kontraproduktiv sei und stattdessen echte Anreize wie bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie nötig wären. Gleichzeitig verschärfen Kirche und Staat die Stimmung gegen Abtreibungen, die formal erlaubt, aber de facto oft schwer zugänglich sind.

Von Ulf Mauder und Katharina Schröder, dpa