
Hintergrundinfos zur Osteoporose als gesellschaftlich relevante Erkrankung
Deutschland leiden etwa 6 bis 8 Millionen Menschen an Osteoporose, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind, besonders nach der Menopause, wo die Prävalenz bei über 45 Prozent der Frauen ab 70 liegt, während es bei Männern in dieser Altersgruppe 17 Prozent sind. Insgesamt sind rund 20 bis 23 Prozent der Frauen und 6 bis 7 Prozent der Männer über 50 betroffen. Die Krankheit nimmt mit dem Alter stark zu, bleibt aber oft lange unentdeckt, da sie schleichend verläuft und erst bei Brüchen auffällt.
Wie Östrogen den Knochenstoffwechsel schützt
Östrogen reguliert den Knochenstoffwechsel, indem es den Knochenabbau hemmt und den Aufbau fördert. Nach der Menopause führt der Abfall dieser Hormonspiegel zu einer verstärkten Aktivierung von Osteoklasten und einer Verschiebung des Gleichgewichts zugunsten des Knochenabbaus. Diese Mechanismen sind auf Zell- und molekularer Ebene umfassend beschrieben und gelten als zentrale Pathogenese der postmenopausalen Osteoporose. Zusätzlich zeigt eine umfassende Übersichtsarbeit: Niedrige Östrogenspiegel sind stark mit erhöhtem Frakturrisiko verknüpft – sowohl bei Frauen als auch bei Männern.
Warum viele Betroffene erst spät eine Diagnose erhalten
Osteoporose verläuft lange asymptomatisch; viele Betroffene bemerken erst Knochenbrüche als erstes Symptom. Ohne frühzeitige Diagnostik (zum Beispiel Knochendichtemessung) bleibt die Erkrankung oft klinisch unentdeckt, bis schwere Frakturen auftreten – mit hoher Morbidität, langwieriger Rehabilitation und Sterblichkeitsrisiko, insbesondere bei Hüftfrakturen.
Klinische Studien wie die WHI zeigen, dass gezielte hormonelle Interventionen das Frakturrisiko senken; dies macht deutlich, dass durch ein Verpassen des frühen Zeitpunkts wertvolle Präventionsmöglichkeiten verschenkt werden.
Wer besonders gefährdet ist und sich früh testen lassen sollte
• Postmenopausale Frauen – klar erhöhte Prävalenz und schnelle Abnahme der Knochenmasse
• Frühe Menopause / Ovarialinsuffizienz – längere Phase mit niedrigen Östrogenspiegeln
• Langfristige antihormonelle Therapie (z. B. Aromatasehemmer bei Brustkrebs)
• Männer mit Hypogonadismus – statistisch ebenfalls höheres Risiko
Empfehlung:
Frühes Screening mit Knochendichtemessung (DXA) bei Risikopersonen, idealerweise bereits mit Eintritt der Menopause oder bei Risikokonstellationen.
Was können Menschen selbst tun, um ihre Knochen zu schützen – und Osteoporose frühzeitig zu erkennen und zu verhindern?
Lebensstil:
• Kalzium- und Vitamin-D-reiche Ernährung
• gesund leben (nicht rauchen, wenig Alkohol)
• regelmäßige kraft- und belastungsorientierte Bewegung zur Stimulierung des Knochenaufbaus
Screening:
• Knochendichtemessung (DXA) bei Risikogruppen
• Therapie: HRT kann das Frakturrisiko reduzieren, sollte aber nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung adaptiert werden (klinische Leitlinien beachten, Indikation nur bei postmenopausalen Beschwerden)
Fazit
Östrogen-Defizienz ist ein zentraler, gut dokumentierter und behandelbarer Mechanismus der Osteoporose. Verständnis der biologischen Grundlagen, gekoppelt mit bewährter klinischer Evidenz, ermöglicht gezielte Prävention und Therapie – ein Aspekt, der bei der häufig zu späten Diagnosestellung dringend stärker ins medizinische Bewusstsein gerückt werden sollte. Östrogen ist ein zentraler Bestandteil der Menopause-Behandlung, aber die Anwendung erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen Symptomlinderung und möglichen Risiken, idealerweise im Rahmen einer Leitlinien-basierten ärztlichen Beratung.
Quelle: Professorin Dr. med. Heide Siggelkow anlässlich des 69. Kongresses für Endokrinologie der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)
Literatur
• Khosla S (2010): Update on estrogens and the skeleton. J Clin Endocrinol Metab. 95(8):3569-77. doi: 10.1210/jc.2010-0856. PMID: 20685883; PMCID: PMC2913030.
• Women’s Health Initiative (WHI) – Hormone Therapy Trials (JAMA / J Bone Miner Res).
• Cauley JA et al. (2003): Women's Health Initiative Investigators. Effects of estrogen plus progestin on risk of fracture and bone mineral density: the Women's Health Initiative randomized trial. JAMA. 290(13):1729-38. doi: 10.1001/jama.290.13.1729. PMID: 14519707.
• Cauley JA (2015): Estrogen and bone health in men and women. Steroids. 99(Pt A):11-5. doi: 10.1016/j.steroids.2014.12.010.
• Rozenberg S, Vandromme J, Antoine C (2013): Postmenopausal hormone therapy: risks and benefits. Nat Rev Endocrinol. (4):216-27. doi: 10.1038/nrendo.2013.17.
Leitlinien
• S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen (AWMF-Registernummer 015-062)
• Positionspapiere der Deutschen Menopause Gesellschaft (DMG)
• S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr


