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Von Sonntag an ändert sich die Situation von ungewollt Schwangeren in Flensburg. Von da an werden im dortigen Diako Krankenhaus Schwangerschaftsabbrüche nur noch in bestimmten Ausnahmefällen vorgenommen. Dies sorgt für viel Kritik in Gesellschaft und auch Politik. Eine Petition «Für Schwangerschaftsabbrüche im Flensburger Krankenhaus» haben seit dem 23. Januar gut 12.000 Menschen unterzeichnet.
Heute berät der Landtag mehrere Anträge zur Sicherstellung von Schwangerschaftsabbrüchen in Flensburg. Wie ist die Situation aktuell in der Stadt und im Rest des Landes? Und welche Arten von Schwangerschaftsabbrüchen gibt es überhaupt? Ein Überblick:
Warum die Lage jetzt eskaliert
Grund ist ein Trägerwechsel bei der Diako. Bisher hat das evangelische Krankenhaus in Flensburg operative Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Die Diako wird zum 1. März aber vom katholischen Malteserorden übernommen, der bisher in Flensburg das St. Franziskus Hospital führt. Der katholische Träger erlaubt Abtreibungen nur in bestimmten Ausnahmefällen. Die jetzige Situation wäre eigentlich erst 2030 mit der Eröffnung des neuen Fördeklinikums eingetreten.
Rechtliche Grundlagen verschiedener Abbrucharten
Es gibt rechtlich drei Unterscheidungen bei den Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch: 1. eine medizinische Indikation - wenn Gefahr für Leib und Leben für eine schwangere Frau besteht 2. eine kriminologische Indikation (z.B. Vergewaltigung) 3. ein Abbruch nach der Beratungsregelung nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz
Medikamentöser, operativer oder stationärer Abbruch – die Unterschiede
Grundsätzlich wird unterschieden zwischen ambulant medikamentösen, ambulant operativen sowie stationären Abbrüchen. Rund 98 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche werden nach Angaben des Gesundheitsministeriums ambulant nach Kategorie 1 oder 2 vorgenommen. Nur für die Kategorie 3 ist ein Krankenhaus erforderlich. Im Jahr 2024 waren das 40 von 3.400 Fällen insgesamt. Aber auch ambulante Abbrüche können in Kliniken durchgeführt werden.
Aktuelle Daten und Entwicklungen in Flensburg
Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken (CDU) verwies kürzlich im Sozialausschuss des Landtags auf einen Bericht der Stadt Flensburg, nach dem seit 2021 in der Diako keine Abbrüche nach der Beratungsregelung stationär durchgeführt wurden. Alle Abbrüche nach der Beratungsreglung in der Diako zwischen 2021 und 2024 waren demnach ambulante Eingriffe.
Insgesamt wurden dem Bericht der Stadt zufolge 2024 in Flensburg 250 ambulante (operative und medikamentöse) Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Davon fanden 32 in der Diako statt.
In welchen Fällen die Diako weiterhin Abbrüche zulässt
Für die Malteser besitzt das ungeborene Kind das gleiche Lebensrecht und die gleiche Würde wie die Mutter. «Ein Schwangerschaftsabbruch stellt für uns daher grundsätzlich keine geeignete Möglichkeit dar, um mit einem Schwangerschaftskonflikt umzugehen», heißt es in einem Positionspapier zum Thema.
Es gibt aber Ausnahmen, in denen auch unter neuer Trägerschaft Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Dies sind nach Angaben der Malteser Notsituationen, in denen die Fortsetzung der Schwangerschaft eine Gefahr für Leib und Leben der schwangeren Frau darstellt. Im Fall einer Vergewaltigung können Frauen demnach zudem zur Verhütung einer Schwangerschaft die sogenannte «Pille danach» erhalten, die eine Befruchtung verhindert.
Folgen für ungewollt Schwangere in und um Flensburg
Für ungewollt Schwangere sei dies eine gravierende Verschlechterung der Versorgungssituation, heißt es bei Pro Familia. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt sei die Versorgungslage in Flensburg angespannt. Im Jahr 2007 boten in Flensburg demnach insgesamt 11 Praxen Schwangerschaftsabbrüche an. Aktuell sind es den Angaben zufolge noch fünf Praxen, wobei eine dieser Praxen ausschließlich eigene Patientinnen behandelt.
«Viele wissen nicht, wohin sie sich künftig wenden sollen, ob sie rechtzeitig einen Termin bekommen und wie sie die zusätzliche organisatorische und emotionale Belastung bewältigen sollen», sagte eine Pro-Familia-Sprecherin. «Gerade Frauen in prekären Lebenslagen, junge Frauen oder Alleinerziehende trifft diese Entwicklung besonders hart.»
Situation im landesweiten Vergleich
Schleswig-Holstein hat im Vergleich zu anderen Ländern ein überdurchschnittlich hohes Angebot für mögliche Schwangerschaftsabbrüche, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Dies werde durch das vom Bundesgesundheitsministerium beauftragte Verbundprojekt «Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer - Angebote der Beratung und Versorgung (ELSA)» bestätigt.
In Schleswig-Holstein und auch der Region Flensburg werden zudem die Vorgaben zur Sicherstellung des Angebots erfüllt: Ein Schwangerschaftsabbruch muss inklusive Hin- und Rückreise innerhalb eines Tages durchgeführt werden können.
Zahl der verfügbaren Praxen und Kliniken im Überblick
Die Frage ist nicht so einfach genau zu beantworten. Pro Familia hat etwa keine vollständig aktuelle Liste, da sich die Situation immer wieder ändert. «Laut unserem Stand sind es mit Wegfall der Diako 24 Stellen, die operative Abbrüche durchführen und 44 Stellen, die medikamentöse Abbrüche anbieten», sagte eine Sprecherin. Manche Praxen bieten beides an - insgesamt sind es dann 55 Stellen in ganz Schleswig-Holstein.
Einen Anhaltspunkt können auch die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) bieten, wie das Gesundheitsministerium mitteilt. Sie führen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte auf, die Abbrüche abgerechnet haben. Selbstzahlerinnen sind in den Zahlen allerdings nicht erfasst.
Demnach wurden laut KVSH (Stand 3. Quartal 2025) in Schleswig-Holstein von 19 Ärztinnen und Ärzte ambulant operative Schwangerschaftsabbrüche abgerechnet, insgesamt 274, sowie von 91 Ärztinnen und Ärzten ambulant medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche, insgesamt 1.444. Hinzu kommen Abbrüche in Kliniken, die diese Leistung weiterhin anbieten.
Pro Familia weist aber darauf hin, dass es in einigen Kreisen keine oder nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, einen Abbruch vorzunehmen - etwa, weil Praxen Abbrüche nur für die eigenen Patientinnen anbieten. Zudem arbeiten viele Praxen mit Fristen und führen beispielsweise medikamentöse Abbrüche nicht bis zum letztmöglichen Zeitpunkt durch.


